- 77 Prozent der deutschen Unternehmen mit Engpässen oder Störungen
- 54 Prozent haben kein einheitliches, verlässliches Bild ihres Lieferantenrisikos
- Deutschland beim KI-Einsatz an letzter Stelle
Frankfurt am Main, 30. Juli 2026 – Der Ausfall eines kritischen Lieferanten ist in der deutschen Industrie keine Ausnahme mehr, sondern ein immer häufiger eintretender Störfall. Eine neue Studie von Ivalua unter 800 Einkaufs- und Supply-Chain-Verantwortlichen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA zeigt: Kein anderes untersuchtes Land verzeichnet so viele Ausfälle, und in keinem dauert die Suche nach Ersatz länger als Deutschland.
Im Schnitt fielen in deutschen Unternehmen in zwölf Monaten 2,4 kritische Lieferanten aus. Der Vier-Länder-Durchschnitt liegt bei 1,7, die USA kommen auf 1,3. Verschont blieben hierzulande nur 14 Prozent der Befragten – in den USA waren es 39 Prozent, in Großbritannien 34 Prozent. Umgekehrt meldeten 84 Prozent der deutschen Organisationen mindestens einen Ausfall, zwei Drittel sogar zwei oder mehr. Im internationalen Schnitt trifft das nur auf knapp die Hälfte zu.
Suche nach Ersatzlieferanten dauert am längsten
Fällt ein Lieferant weg, beginnt ein Wettlauf, den deutsche Einkaufsorganisationen regelmäßig verlieren: Bis überhaupt ein Ersatzlieferant identifiziert ist, vergehen in Deutschland im Mittel 11,1 Tage – der höchste Wert im Vergleich, gegenüber 8,8 Tagen in den USA. Der Unterschied entsteht am langen Ende der Verteilung: 28 Prozent der deutschen Befragten brauchen zwei Wochen oder länger, in Frankreich und den USA sind es jeweils 17 Prozent. Das anschließende Onboarding dauert mit rund 2,1 Wochen etwa so lange wie in Frankreich und Großbritannien. Zusammengerechnet vergehen also in Deutschland vom Ausfall bis zum Ersatz rund 26 Tage – etwa fünf Tage mehr als in den USA.
Höchste Verwundbarkeit während der Lücke
In dieser Übergangsphase sehen sich 77 Prozent der deutschen Unternehmen Engpässen oder Störungen ausgesetzt. Entscheidend ist die Intensität: 24 Prozent stufen sich als stark exponiert ein – mehr als in jedem anderen Land (gesamt 19 Prozent, Großbritannien und USA je 17 Prozent).
Auch die Art des Schadens unterscheidet sich. Bei britischen und amerikanischen Firmen führen die Ausfälle vor allem zu höheren Betriebskosten (26 und 27 %), in Deutschland schlagen sie häufiger direkt auf die Fertigung durch: 17 Prozent der betroffenen deutschen Unternehmen meldeten eine reduzierte Produktionskapazität, fast doppelt so viele wie in Großbritannien und Frankreich mit je 9 Prozent. Und 10 Prozent verloren dadurch sogar Schlüsselkunden – ebenfalls der höchste Wert (5 % in den USA).
Für die deutsche Industrie verschärft sich der Befund durch die Kombination: die meisten Ausfälle, die längste Suchdauer und der höchste Anteil stark exponierter Unternehmen. In Branchen mit getakteter Fertigung und geringen Beständen entscheidet die Zeit bis zur Wiederbeschaffung darüber, ob ein Lieferantenausfall eine Störung bleibt oder zum Bandstillstand führt.
Hauptursachen: Fragmentierte Daten und fehlende Lieferkettentransparenz
Die Ursache für den Rückstand in Deutschland liegt zum einen weniger in der Beschaffungskompetenz als in der Datengrundlage. 55 Prozent der deutschen Einkaufsorganisationen verfügen über kein einheitliches, verlässliches Bild ihres Lieferantenrisikos – der höchste Wert im Ländervergleich. Die Hälfte hat keine Transparenz jenseits der Tier-1-Ebene. 46 Prozent sagen von sich, nur einen Lieferantenausfall von einer echten Lieferkettenkrise entfernt zu sein.
Dahinter steht ein strukturelles Problem: 43 Prozent der Befragten deutschen Unternehmen geben an, ihre Sourcing-Daten seien so über Systeme verteilt, dass eine schnelle Anpassung der Beschaffungsstrategie gar nicht möglich ist. Und 59 Prozent räumen ein, dass ihre Abhängigkeit von Tabellenkalkulationen sie menschlichen Fehlern aussetzt. Lieferantenstammdaten liegen im ERP, Bewertungen in Excel, Korrespondenz im Postfach, Auditberichte im Dateiablagesystem.
Hälfte der deutschen Unternehmen hält eigene Lieferantenprüfung für zu langsam
Entsprechend selten läuft die Lieferantenprüfung systemgestützt. Nur 19 Prozent aller Einkaufsorganisationen führen ihre Due Diligence überwiegend automatisiert und zentralisiert durch; gut ein Viertel arbeitet überwiegend manuell mit Tabellen, E-Mails und Dokumenten. Bei der Verifikation neuer Lieferanten vor der ersten Zahlung setzen in Deutschland nur 21 Prozent überwiegend auf automatisierte Prüfungen.
Das hat Konsequenzen. 65 Prozent der deutschen Unternehmen sagen, manuelle Due-Diligence-Prozesse hätten dazu geführt, dass kritische Lieferanten vor dem Onboarding nicht vollständig geprüft wurden – der höchste Länderwert. Jeder zweite Betrieb hält die eigene Lieferantenprüfung für zu langsam angesichts des heutigen Risikoumfelds. Hinzu kommt der Zeitverlust im Tagesgeschäft: Fast ein Fünftel der Teamkapazität fließt in manuelle Tätigkeiten, die sich automatisieren ließen – Kapazität, die im Ernstfall für die Ersatzsuche fehlt.
Digitalisierung und KI beschleunigen Suche nach Ersatzlieferanten
Der Vergleich nach Digitalisierungsgrad zeigt, wo der Hebel liegt. Unternehmen, die KI-Werkzeuge im Einkauf einsetzen oder pilotieren, identifizieren Ersatzlieferanten im Schnitt in 9,7 Tagen – Organisationen, die den Einsatz erst erwägen, brauchen 11,4 Tage. Bei der Verifikation neuer Lieferanten arbeiten 39 Prozent der KI-Anwender überwiegend automatisiert, gegenüber 12 Prozent der Unternehmen ohne KI-Pläne.
Mit einem KI-Einsatz (eingesetzt oder in Pilotphase) von 65 Prozent liegt Deutschland an letzter Stelle, hinter UK mit 74, Frankreich mit 70 und den USA mit 69 Prozent. Bei der überwiegend automatisierten Lieferantenverifikation ist der Abstand noch deutlicher: Deutschland kommt auf 21 Prozent, UK auf 31 Prozent. Am deutlichsten ist der Abstand bei der Vorsorge: 78 Prozent der KI-Anwender haben einen umgesetzten oder in Umsetzung befindlichen Reaktionsplan für Cyber-Vorfälle bei Lieferanten. Bei Unternehmen ohne KI-Pläne sind es 34 Prozent – 40 Prozent von ihnen haben überhaupt keinen Plan.
“Die Zahlen für Deutschland stimmen nachdenklich. Die wirtschaftliche Stagnation der vergangenen Jahre hat offenkundig dazu geführt, dass deutsche Unternehmen weniger flexibel und weniger schnell auf Krisensituationen reagieren können“, urteilt Simon Eger, Regional Director Central Europe von Ivalua. „Nur mit einer KI-gestützten Innovationsoffensive können die Unternehmen den Rückstand aufholen, der sich andernfalls stetig vergrößern wird“, empfiehlt er.
„Der Ausfall von Lieferanten ist längst keine Ausnahme mehr, sondern ein fester Bestandteil der Geschäftstätigkeit geworden. Am stärksten betroffen sind Unternehmen, die Risiken auf Seiten ihrer Lieferanten erst dann erkennen, wenn es bereits zu spät ist“, sagt Jarrod McAdoo, Direktor bei Ivalua. „Angesichts von Inflation, Zöllen und steigenden Kosten, die den Betrieb ohnehin schon belasten, kann der Ausfall eines einzigen Lieferanten der entscheidende Punkt sein, der eine ohnehin schon angespannte Lieferkette zum Zusammenbruch bringt. „Das Ziel besteht darin, die Fähigkeit aufzubauen, frühe Anzeichen zu erkennen und bereit zu sein, bestehende Notfallpläne selbstbewusst umzusetzen“, sagt McAdoo. „KI kann dabei einen echten Unterschied machen, ist aber nur so effektiv wie die Daten, mit denen sie arbeitet. Unternehmen sollten deshalb unbedingt eine solide, einheitliche Grundlage für Lieferantendaten schaffen.”
Über die Studie
Die Umfrage wurde im März 2026 von Sapio Research im Auftrag von Ivalua durchgeführt. Befragt wurden insgesamt 800 Einkaufs- und Supply-Chain-Entscheiderinnen und -Entscheidern aus Deutschland, Frankreich, den USA und dem Vereinigten Königreich (je 200 pro Land). Die Teilnehmenden verantworten Beschaffungs-, Logistik- oder Lieferkettenfunktionen in Organisationen unterschiedlicher Größe und Branche. Fragen zur direkten Materialbeschaffung wurden Unternehmen aus direkt beschaffenden Industrien gestellt (Teilstichprobe: 240).
Über Ivalua
Ivalua ist die einzige vollständig integrierte KI-Plattform für Großunternehmen zur Verwaltung von Ausgaben und Lieferanten. Sie verbindet Menschen, KI, Arbeitsabläufe und Daten nahtlos miteinander und macht Unternehmen so profitabler, resilienter und nachhaltiger. Über 500 der weltweit angesehensten Marken vertrauen uns, und wir werden von Gartner und anderen Analysten regelmäßig als führend anerkannt. Weitere Informationen unter de.ivalua.com. Folgen Sie uns auf @LinkedIn.
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